Von Wittgenstein und Inklusion – wie Sprache die Wirklichkeit formt

Blog-Beitrag vom 30.03.2021

Was vor einiger Zeit in Behörden und Bildungseinrichtungen begann, hat sich inzwischen bis in die HR- und Marketingabteilung vieler Unternehmen vorgewagt. Die Rede ist vom so genannten gendergerechten Schreiben. Der Grundgedanke: Frauen, die gut 50 % der Weltbevölkerung ausmachen, sowie andere Geschlechter sichtbar machen. Sichtbar im Sinne der tatsächlichen Repräsentation, aber auch in der Sprache.

Sprache formt in einem beträchtlichen Maß die Wirklichkeit. Um es mit Ludwig Wittgenstein zu sagen: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (Wittgenstein, Ludwig, 1922: Tractatus logico-philosophicus, Logisch-Philosophische Abhandlung, Satz 5.6)

Sprachliche Bilder werden erlernt und prägen sich ein. Was mit sprachlichen Bildern gemeint ist? Hier ein Beispiel:

  • Wenn über Menschen geschrieben oder gesprochen wird, die einen Rollstuhl verwenden, fällt häufig die Phrase „an den Rollstuhl gefesselt sein“. Hierbei handelt es sich um metaphorischen Sprachgebrauch, der eine deutlich negative Konnotation transportiert. Dies ist den Schreibenden oder Sprechenden oft nicht aktiv bewusst, zeichnet aber ein sprachliches Bild des Rollstuhlgebrauchs als etwas Leidvolles.
  • Personen- und insbesondere Berufsbezeichnungen eröffnen ein weites Feld an sprachlichen Bildern. Ein Beispiel: „Lehrer“ kann im alltäglichen Sprachgebrauch im Sinne des generischen Maskulinums sowohl einen Mann als auch eine Frau bezeichnen. Anders verhält es sich mit „Krankenpfleger“, der selten als generisches Maskulinum verwendet wird. Stattdessen werden weibliche Krankenpflegepersonen immer noch häufig als „Krankenschwester“ bezeichnet – ein Relikt aus Zeiten, in denen der Beruf nur von Frauen ausgeübt wurde. Das Kompositumsglied „-schwester“ bezeichnet eine familiäre Beziehung, die wenig Distanz impliziert. Anstatt die sprachlich erzeugte Distanzlosigkeit einer „-schwester“ an die neu erscheinenden männlichen Vertreter des Berufs weiterzureichen, wurde im Lauf der Zeit eine neue Berufsbezeichnung bedacht. Diese basiert nicht auf Beziehungsverhältnissen, sondern auf der verrichteten Tätigkeit, dem Pflegen Kranker. Natürlich existiert mittlerweile ein Äquivalent zu „Krankenpfleger“, die „Krankenpflegerin“. Dennoch hält sich die antiquierte Berufsbezeichnung „Krankenschwester“ mindestens genauso gut wie der Status des Berufs als „Frauendomäne“.

Es gilt, derartige sprachliche Bilder zu hinterfragen. Wo Sprache Ungleichheiten abbildet oder gar befeuern könnte, lohnt es sich, die kritischen Stellen umzuformulieren. Um alle Menschen anzusprechen, ist es angebracht, Texte möglichst inklusiv zu formulieren. Das beinhaltet Faktoren wie die bereits genannten, Behinderung und Geschlecht, geht aber noch weit darüber hinaus.

Apropos Inklusion

Um inklusives Schreiben zu erklären, lohnt sich zunächst einmal ein Blick auf das Wort Inklusion selbst:

„Inklusion in ihrer ursprünglichen Form ist aus dem Lateinischen abgeleitet und bedeutet so viel wie ‚Einbeziehen‘. Inklusion meint die selbstverständliche Zugehörigkeit aller Menschen zur Gesellschaft, verbunden mit der Möglichkeit der uneingeschränkten Teilhabe in allen Bereichen menschlichen Lebens.“

Im heutigen Sprachgebrauch bezieht sich Inklusion meist auf die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Der inklusive Grundgedanke lässt sich jedoch weiterdenken und auf andere soziale Kategorien wie z. B. Geschlecht, sexuelle Orientierung, Nationalität, Religion oder Alter ausdehnen (Quelle). Inklusives Schreiben spricht alle Menschen an und bezieht sie darüber ein.  

Ein Schwenk zurück zu Wittgenstein: Um alle Menschen in ihrer Vielfalt in der Gesellschaft sichtbar zu machen und anzusprechen, ist sprachliches Sichtbar-Machen ein erster Schritt. Damit geht einher, sprachliche Diskriminierung möglichst zu vermeiden.

Aber wie denn jetzt?

Inklusives Schreiben lässt sich vereinfacht in drei Punkten zusammenfassen:

  1. Benennen: Die Absicht, jemanden mitzumeinen, bedeutet nicht, dass diese Person sich auch mitgemeint fühlt.
  2. Erneuern: Negative Sprachbilder sind tief im Sprachgebrauch verwurzelt. Das heißt aber nicht, dass sie dort auch bleiben sollten.
  3. Neutralisieren: Informationen zu sozialen Kategorien wie Alter etc. sind in vielen Texten gar nicht relevant oder sachdienlich und können weggelassen werden.

Klingt erst einmal sehr theoretisch und bietet wenig Bezug zum Arbeitsalltag als schreibende Person, oder?

Die gute Nachricht: Viele Aspekte des inklusiven Schreibens lassen sich in stringente Vorgehensweisen anhand klarer Regeln „übersetzen“. Als Beispiel soll die Kategorie „Geschlecht“ dienen. Um alle Geschlechter anzusprechen, müssen zuerst einmal die Personenbezeichnungen im Text herausgesucht werden. Weitere Schritte sind:

  1. Personenbezeichnungen im Maskulinum suchen, z. B. „der Maler“, „die Fußballspieler“
  2. Aus dieser Menge diejenigen Fälle ausnehmen, die sich tatsächlich auf Männer beziehen oder wie „der Mensch“ gar keine weibliche Entsprechung haben.
  3. Die übrig gebliebenen Personenbezeichnungen sollten in den folgenden Fällen umformuliert werden:
    • Generisches Maskulinum: „Ärzte sind derzeit nicht im Haus“ → „Ärztinnen und Ärzte sind derzeit nicht im Haus“ (hier sind auch weitere sprachliche Alternativen denkbar, s. Whitepaper „Gendergerechtes Schreiben mit linguistischer Intelligenz“, S. 5–8)
    • Unterschiedliches Genus bei Subjekt und Prädikatsnomen: „Sie ist den Menschen ein guter Freund“ → „Sie ist den Menschen eine gute Freundin.“
    • Wiederaufnahme ohne Genusreflexion: „Wenn jemand gehen will, soll er es sagen.“ → „Wenn jemand gehen will, soll er oder sie es sagen.“
    • Generisch maskuline Pronomen: „Derjenige, der zuerst da ist, gewinnt!“ → „Die oder derjenige, die oder der zuerst da ist, gewinnt“ oder „Wer zuerst da ist, gewinnt.“

Ähnliche Vorgehensweisen lassen sich auch für alle anderen Bereiche des inklusiven Schreibens definieren und anwenden.

Und wer soll sich das alles merken?

Die ernüchternde Antwort: auf Anhieb wahrscheinlich niemand. Inklusives Schreiben bedarf Übung und einer gewissen Schreibroutine und stellt bei vielen von uns einen massiven Lernprozess dar.

Die gute Nachricht: Sie müssen nicht ohne Unterstützung auskommen. Zum einen gibt es die Möglichkeit, sich Expertinnen und Experten für inklusives Schreiben – wie z. B. das Team unseres Kooperationsunternehmens LUB – an Bord zu holen, um die Umstellungsprozesse in Gang zu bringen.

Zum anderen kann Software, beispielsweise der Congree Authoring Server, Ihnen beim inklusiven Schreiben helfen. Einen ersten Einblick hierzu bietet Ihnen das Whitepaper „Gendergerechtes Schreiben mit linguistischer Intelligenz“.

tl;dr

Oft bezieht Inklusion sich auf die gesellschaftliche Repräsentation und Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Der inklusive Grundgedanke lässt sich auch für andere soziale Kategorien weiterdenken. Sprache formt in einem beträchtlichen Maß die Wirklichkeit. Um alle Menschen anzusprechen und zu repräsentieren, ist es deshalb angebracht, Texte möglichst inklusiv zu formulieren. Wie das geht, zeigen wir Ihnen hier.